Die liebe Heiligenhafener Post und mein Leserbrief von heute

In der heutigen Ausgabe vom 16.02.2018 der Heiligenhafener Post, Jahrgang 124 Nr. 20,  ist ein Leserbrief von mir abgedruckt. Sehr präsent mittig auf Seite 3 im „Heimatteil“.
Dafür will ich mich an dieser Stelle zunächst einmal bei unserer örtlichen Zeitung –dieses Selbstverständnis haben gewiss noch immer viele der angestammten Leser– bedanken.
Die Redaktion hat aus meinem eingereichten Text die Überschrift „Ich vermisse klare Worte“ herausgezogen. Durch Kürzungen dürfte dem Leser jedoch fern bleiben, was ich eigentlich genau mit meinem Leserbrief zum Ausdruck bringen wollte.

Deshalb stelle ich hier den vollständigen Text ein, wie ich diesen per eMail am 09.02.2018 um 15:08 an die Redaktion der Heiligenhafener Post gesendet hatte. Bitte lesen Sie den unten angefügten ungekürzten Leserbrief. Die von der Redaktion herausgekürzten Textstellen sind dunkelrot abgesetzt.

Eines möchte ich hier sogleich auch klarstellen:
Es ist keine Frage, dass die heutigen digitalen Medien den Zeitungen schwere Konkurrenz bereiten und existentielle Ängste selbst bei großen Verlagen auslösen. Warum sollte die Zeitung durch Abdruck eines Leserbriefes sich der Gefahr aussetzen, darüber von Anzeigenkunden abgestraft zu werden und selbst wirtschaftliche Einbußen zu erleiden?
Eine schwierige Situation. Da habe ich vollstes Verständnis um alle Mitarbeiter und die Sorgen der verantwortlichen Zeitungsmacher. Ganz ehrlich!
Andererseits sind besonders die Leserbriefe für langjährig treue Abonnenten das „Salz in der Suppe“. Und deshalb bitte ich gerade die für das wirtschaftliche Überleben so wichtigen Anzeigenkunden, keinen inhaltlichen Druck auf die Redaktion auszuüben, sollte diese mal den einen oder anderen Leserbrief abdrucken, der durchaus auch Mißfallen und Ablehnung auslöst. Demokratie lebt vom Wettstreit der Gedanken, eine nicht hinterfragte Herrschaftsmeinung erstickt Kreativität, Mut und Lebendigkeit.
Bedenken sie ALLE: Eine freiheitlich offene Gesellschaft ermöglicht gerade auch den Unternehmen und Interessensverbänden, sich auszuleben und zu verwirklichen. Doch zweifellos sind wir bereits so weit gekommen, dass Journalisten „die Schere im Kopf“ haben — selbst wenn tatsächlich direktes Abstrafen einer unbequemen politischen Sicht weniger offensichtlich denn subtil erfolgt. Die Arbeitsplätze in den Printmedien sind auf allen Ebenen bedroht, und ich habe wirklich Mitgefühl für jede/jeden, die/der um ihren/seinen Arbeitsplatz besorgt ist.
Nicht nur in der Türkei und so vielen weiteren Ländern ist die Pressefreiheit als Organ zur Kontrolle der Mächtigen bedroht. Der Erosionsprozess findet selbst hier still und leise statt. Die Bürger kümmert’s nicht: Wachstumsstreben, Besitzstandswahrung und Gedaddel auf digitalen Endgeräten  –allwissenden Wanzen gleich–  binden alle Aufmerksamkeit?

Findet eine Berichterstattung über die außerhalb einer parlamentarischen Kontrolle erfolgten, aus meiner Sicht eigenmächtigen Verlängerung der Geschäftsführer-Verträge der HVB statt? Sind die Herren GF überhaupt ausreichend qualifiziert? Wie steht es um das höchst fragwürdige Rechtsverständnis der dortigen Geschäftsführer? Kommt der Aufsichtsrat seinen Pflichten der Kontrolle hinreichend nach?
Nein, Schweigen und Finsternis allenthalben. Wohlgefällige Berichterstattung vornehmlich zugunsten der örtlichen CDU, denn die lokale Wirtschaft tritt unter anderer Coleur ja gar nicht in Erscheinung. Es sich mit „Partner mit Herz“, dem Zusammenschluss der örtlichen Gewerbetreibenden, zu verscherzen kann sich die Zeitung auch nicht leisten. Da geht dann ein Leserbrief locker mal durch, in dem „die Verwaltung“ für Leer- und Stillstand pauschal verantwortlich gemacht wird, obwohl PmH sehr genau weiß, welche maßgebliche Rolle der abgekoppelte, städtische Eigenbetrieb HVB längst schon spielt. Wir sehen die Arroganz des wirtschaftlichen Einflusses, der sich die freie Presse gefügig werden läßt.

Deshalb fordere ich meine Leser dieser digital verbreiteten Inhalte dazu auf, sich wirklich mal mit der Lage der Zeitungen zu beschäftigen. Wir sollten „unsere“ Heiligenhafener Post wertschätzen und stützen durch Abonnements und positive inhaltliche Begleitung. Denn gerade für die ältere, nicht wirklich internetaffine Generation ist diese Zeitung ein wichtiges Stück der Identifikation, und natürlich eine Quelle der Information über das lokale Geschehen. Es wäre tatsächlich ein Verlust, wenn wir diese Lokalzeitung verlieren würden, gefressen vom Raubtierkapitalismus, der sich auch Heiligenhafen einverleibt.


Die Heiligenhafener Post gibt auf der Titelseite vom 09.02.2018 die Ansicht des Bundestagsabgeordneten Ingo Gädechens (CDU) wieder, demnach er die Ressortverteilung in der GroKo für nicht gerecht hält. „Diese Kröte ist schwer zu schlucken“.

Nicht er, sondern die Wähler haben zu verdauen, was die Politik aus unseren Voten macht.

Wir sehen im Auftakt zur Kommunalwahl das verquere Politikverständnis der Partei-Profis, von oben nach unten durchgereicht: In der Etappe sind die Ortsvereine auf Linie zu halten.

Timo Gaarz (CDU) ist nicht ohne Grund wieder Vorsitzender der lokalen CDU. Sein Ziel ist klar: Stärkste Fraktion in der Stadtvertretung. Zu offensichtlich werden alle relevanten Gruppen umarmt, die nicht schnell genug neutralen Boden finden. „Danke-Preis“ für die Feuerwehr, Präsentkorb für den ASB. Die Anerkennung ist sehr wohl richtig, doch so nahe zu den Wahlen? Zuletzt werden die betagten Menschen umschmeichelt und am Wahltag an die Urnen gefahren. Das alte Frösche-Kochbuch der Parteien, jetzt im ganzen Land zu beobachten. Die SPD bekommt vor Ort nicht einmal das gebacken.

Die Grünen? Unsichtbar.

Am 02.02. in der Heiligenhafener Post: „CDU reicht zwei Anträge ein“. Der Noch-Bürgervorsteher Gottfried Grönwald (BfH) soll das Thema Gosch in die letzte Sitzung der Stadtvertretung heben. Die CDU hat eigentlich keine Eile und hofft wohl, das Thema klebt dann an der BfH.

Seehofer (CSU) würde dazu sagen: „Passt schon“.

Und das Landesthema Straßenausbaubeiträge wird zu einem ortsbezogenen Politik-Joker der CDU heruntergebrochen. Seltsam gibt Timo Gaarz sein Demokratiebild gleich mit hinzu: „Erst moderieren, dann miteinander diskutieren und dann erst politisieren sowie entscheiden.“

Bitte? „Politisieren“ so negativ zu beladen ist unakzeptabel. Den Auftrag der Stadtvertretung, die politischen Richtlinien vorzuzeichnen, zu einem finalen Abnicken degradieren? Ist das ehrlich?
Dazu würde ich gerne den vorherigen Bürgervorsteher, zweimaligen Bürgermeisterkandidaten („ehrlich für Heiligenhafen“) und Stadtvertreter Georg Rehse (CDU) hören, nun erneut auf vorderem Listenplatz. Rehse am 20.02.2016: „Das meiste ist doch sowieso schon vorher abgestimmt.“

Ich vermisse klare Worte der hiesigen Parteien zu einer transparenten öffentlichen Politik. Warum sollten wir sie wählen?

Was läuft stattdessen? Der Wähler soll sich gar nicht mehr für den Krötenteich interessieren und am besten der Wahl fernbleiben. Parteibuch-Inhaber bestimmen unter sich, wer hier am lautesten quaken darf.  Die Parteien untergraben vor Ort die Demokratie, hoffen insgeheim auf geringste Wahlbeteiligung, und wundern sich über die Abkehr der Wähler im Großen?
Wer mag da noch einen dieser Frösche küssen in der Hoffnung auf Erlösung.

Niclas Boldt

23774 Heiligenhafen

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